Sollte ich zum Arzt gehen, wenn ich (k)eine Lebens-Vision habe?


Helmut Schmidt wird der Satz zugeschrieben „Wer eine Vision hat, sollte zum Arzt gehen“? Meiner Einschätzung nach, kann Herr Schmidt diesen Satz nur mit Augenzwinkern gemeint haben, denn er selbst war ja wohl einer der größten Visionäre, des Nachkrieg-Deutschlands.


Die Suche nach dem Sinn oder der eigenen Lebens-Vision kann ganz schön stressig sein


Die Frage nach dem Sinn des Lebens treibt die Menschen um, wahrscheinlich schon so lange es uns gibt. Auch in der heutigen, modernen, globalen und total vernetzten Welt wollen wir wissen, ob wir eher zufällig auf diese Erde gepurzelt sind und ob sich hinter allem ein tieferer Sinn versteckt und ob es damit für jeden von uns so etwas wie einen ganz persönlichen Weg, eine ganz persönliche Berufung, einen ganz persönlichen Sinn gibt, den es zu finden oder zu entdecken gilt.


Ich erlebe in letzter Zeit vermehrt bei meinen Klienten aber auch in meiner Familie und im Freundeskreis, dass auch Jugendliche und junge Erwachsene mit den Fragen aller Fragen im Hinterkopf unterwegs sind. Warum bin ich hier?“; "Was ist meine Berufung?"; "Wie und wo finde ich den Ort und die Aufgabe, die für mich bestimmt sind?"


Die Vorgehensweisen und das Tempo mit denen sich diese jungen Menschen auf den Weg machen, um Antworten zu finden, sind allerdings sehr unterschiedlich. Da sind die einen, die sich nach der Schule erst mal (zum Leidwesen vieler Eltern) seeehr lange Zeit lassen, indem sie mal hier ein Praktikum beginnen (und nach ein paar Tagen wieder hinschmeißen), sich mal dort einem Projekt anschließen (bei dem aber Pünktlichkeit, Struktur und Ordnung gefordert werden, was dann doch auch irgendwie uncool und echt anstrengend ist) und die sich manchmal für (fast unerträglich) lange Zeit in den Tiefen ihrer Kinderzimmer zurück ziehen, ohne dass wir Erwachsenen auch nur den Schimmer einer Ahnung haben, was sie da so treiben.


Und dann gibt es die anderen, die, kaum haben sie die Schule hinter sich gelassen, ein irres Tempo an den Tag legen und geleitet von einem klaren Ziel oder einer klaren Vision, von der Weltreise über diverse Praktika in Top-Unternehmen innerhalb kürzester Zeit ihren Master in der Tasche haben, um dann sofort fleißig und emsig weiter bauen an ihrem persönlichen Lebensentwurf.


Nicht selten geraten sowohl die einen als auch die anderen dabei in eine Sinn-Krise, einen Erschöpfungszustand, einen Burn- oder Bore-out, in eine Depression. Die Suche nach dem Sinn oder der eigenen Vision für sein Lebens kann Menschen also ganz schön in Stress versetzen und es kann sie sogar krank machen. In diesem Sinn hatte Herr Schmidt mit seinem Satz also vielleicht sogar recht.


Meine ganz persönliche Ansicht über das Suchen und Finden einer Lebens-Vision


Seit meiner Kindheit habe auch ich dieses diffuse Gefühl, dass es da irgendwie „mehr“ geben muss, dass ich nicht ganz zufällig auf dieser Erde bin, und dass es für mich so etwas wie eine Lebens-Aufgabe gibt. Auch wenn ich deswegen noch nicht beim Arzt war, treibt also auch mich die Frage nach meiner Lebens-Vision um. Mittlerweile bin ich aber nicht mehr davon überzeugt, dass es diese eine Vision oder diesen einen Sinn bzw. diese eine Berufung gibt, sondern ich glaube, dass unser Zweck mit uns mitwächst und sich dementsprechend wandelt.


Der Sinn des Lebens liegt meines Erachtens nach für jeden Menschen darin, Lebensaufgaben oder Lernfelder, wie ich sie nenne, zu meistern, die uns in Form von kleinen und großen Krisen aber auch durch Begegnungen mit Menschen oder durch bestimmte Umstände im Leben geschenkt werden. Wenn wir diese Lernfelder bewusst als solche wahr nehmen, erkennen wir, dass sie immer das Potenzial zum Innehalten, zum Reifen und zum Wandel in sich tragen.


Gerade die Lernfelder, die wir als Krise beschreiben, wie z.B. schmerzhafte Verluste (eines nahestehenden Menschen, des Arbeitsplatzes, der eigenen Gesundheit) oder Zeiten der Orientierungslosigkeit, läuten häufig auch einen inneren Wandlungsprozess ein.


Aus diesem innere Wandlungsprozess nehmen wir Erkenntnisse, Erfahrungen und Weisheiten mit, die uns und unser Bewusstsein reifen und wachsen lassen. Aber nicht nur wir wachsen, sondern indem wir unsere inneren Erfahrungen mit anderen teilen, sie ermutigen auf ihrem ganz persönlichen Lebensweg und ihnen aus unserer eigenen gewonnen Kraft heraus Impulse für ihren Lebensweg aufzeigen, sind wir immer auch Lehrer und Wegbereiter für andere. Aus diesem stetigen Lernen und Lehren, Lernen und Lehren, Lernen und Lehren entsteht dann ganz von selbst eine Art Lebens-Vision, weil eben jeder Mensch seine ganz eigenen Lernfelder hat, aus denen er seine ganz eigenen Erkenntnisse, Erfahrungen und Weisheiten zieht, die er an andere (egal ob privat oder im Beruf) weiter geben kann.


In diesem Sinne muss man also nicht zum Arzt gehen, wenn man seine ganz persönliche Lebens-Vision sucht oder finden möchte, sondern sich einfach mit offener Haltung und mit kindlichem Staunen dem Leben hingeben und sich freuen über die zahlreichen Krisen, Begegnungen und Umstände, die uns zu grandiosen Erkenntnissen führen und die wir mit anderen teilen dürfen.

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